Artikel ·Little Stories of my Life

Wie ich meine Vergangenheit verarbeite

Der Apothekerschrank

Die Schubladen gefüllt mit Erinnerungen, die wahllos hineingeworfen wurden, damit sie erst einmal aus dem Kopf sind. Nichts passt zusammen, es ist das reinste Chaos in diesen Schubladen. Weil nichts in diesen Schubladen ist, was zusammen einen Sinn ergibt. Und das wissen um dieses Chaos bleibt bestehen, da kann ich noch so sehr versuchen, es zu verdrängen.

Diesen Apothekerschrank nenne ich „Die unverarbeitete Vergangenheit“ Wir alle haben diese Vergangenheit, können uns nicht davon freisprechen und sie hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Jeder geht anders damit um.

Ich habe sie lange Zeit versucht zu verdrängen, hab manche Erlebnisse aus meiner Vergangenheit sogar als „normal“ empfunden. Daraus entstanden sind Traumata und Depression. Und es ist an der Zeit für mich, in den Ist Zustand zu kommen, dorthin, wo ich heute stehe. Das was ich bin, muss ich nicht aufgrund meiner Vergangenheit bleiben. Ich darf nach vorne schauen, weil ich mit dem was hinter mir liegt Frieden geschlossen habe. Wie sich dieser Knoten bei mir gelöst hat, erzähle ich an anderer Stelle. Geholfen hat mir dabei mein Therapeut, meine Seelenmenschen Sabine und Frank und ein Buch. Mehr davon aber wie gesagt später, in einem anderen Artikel.

Hier soll es jetzt um die Sortierung und Verarbeitung meiner Vergangenheit, meiner Erinnerungen gehen. Dabei soll mir mein imaginärer Apothekerschrank mit seinen vielen Schubladen, große wie kleine eine Hilfe sein.

Das Sortieren der Vergangenheit

Was darf wirklich weg? Weg im Sinne von „Muss mich nicht mehr belasten“. Was darf erst einmal noch bleiben, weil ich mich zu einem späteren Zeitpunkt noch intensiver damit auseinander setzen möchte, was muss auf jeden Fall bleiben, weil es eine schöne Erinnerung ist, denn auch diese kommen in meinen schönen alten Apothekerschrank. Vergangenheit ist das Erinnern an Situationen, an Momente die wir erlebt haben. Selbst wenn die Dauer derer nur ganz kurz war, können sie sich tief in unserem Gedächtnis verankern. Die Erinnerung bleibt, nur die Sichtweise darauf kann sich ändern.

Ich denke, somit für mich einen Weg gefunden zu haben, mit meiner Vergangenheit, mit mir ins Reine zu kommen. Mit meinem großen, alten Apothekerschrank, mit ganz vielen kleinen und großen Schubladen, in denen ich all meine Traumata, die mich von Kindheit an begleiten hinein sortiere, umsortiere, weil ich sie aus einer anderen Sichtweise betrachten kann, nachdem ich sie mir genau angeschaut habe. Ihnen den Schrecken nehme, indem ich meinem inneren Kind erkläre, was passiert ist, damit es verstehen kann, was es damals nicht verstehen konnte, weil niemand mit ihm über all die Dinge gesprochen hat, weil niemand das Kind in den Arm genommen und getröstet hat.

Ein weiteres Mittel, das mir hilft, der Mensch zu sein, der ich eigentlich bin. Ohne Traumata, ohne Konditionierung.

Auf den Schubladen meines Apothekerschrankes werden folgende Inhalte stehen:

  • Familie
  • Gefahr
  • Gewalt
  • Misshandlung
  • Tod
  • Zuhause
  • Mobbing
  • Beziehung

Diese Schubladen sind mal größer, mal kleiner und beinhalten mehrere Kapitel, denn zu jedem Thema gibt es mehr als nur eine Geschichte. Die meisten handeln von Themen aus meiner Kindheit, andere aus meinem Erwachsenen Leben. Ich möchte diese Schubladen, in diesem wunderschönen alten Apothekerschrank gerne hier auf meinem Blog aufräumen. Eventuell hilft es dir, Dinge zu verarbeiten und sortiert zu bekommen, damit das Chaos auch bei dir etwas kleiner wird.

Ich entscheide, nach welcher Reihenfolge ich diese Schubladen ausräume und sortiere. Mein Bauchgefühl sagt mir, mit dem Thema Tod zu beginnen. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es fühlt sich richtig an. Der Tod hat mich schon durch meine Kindheit begleitet, mit all dem, was er so zu bieten hat. Tod durch Unfall, Suizid, Mord und klar, auch Krankheit.

Meine Schublade Tod ist aufgeteilt die Kapitel:

  • Das kleine rote Auto
  • Kann man Enten essen?
  • Ulli
  • Ralf
  • Suizid in der Gartenlaube
  • Kopfschuss
  • Mach`s gut Omi
  • Das Herz, das nicht mehr kann
  • Der schönste Ort zu sterben
  • Papa

Das kleine rote Auto

Es ist einer dieser heißen Sommertage, an denen die Luft steht und diese optische Täuschung auf der Strasse zu sehen ist, die Papa Fata Morgana nennt, weil es so aussieht, als wäre da eine große Wasserpfütze ganz hinten auf der Strasse. Ich bin 5 oder 6 Jahre alt. Wir sind bei meiner Oma, meine Eltern sind im Garten und genießen den Tag. Ich stehe vor dem riesig großen Rhododendron Busch von Omas Nachbarn und schaue mir fasziniert die weißen Blüten an. Plötzlich höre ich ein lautes Quietschen und gleich darauf einen scheppernden Knall und dann ist da plötzlich diese Dauerhupe. Ich erschrecke und fahre herum und mein Herz rast wie verrückt. Ich kann aber nichts erkennen, die Hecken und Bäume auf der anderen Straßenseite lassen keinen Blick hindurch zu. Die andere Straßenseite ist das, was verboten ist von meiner Mutter. Auf gar keinen Fall darf ich die Straße überqueren. Ich höre hektische Stimmen, immer noch diese Hupe, die einfach nicht aufhören will zu schreien und ich muss meiner Neugier folgen und wechsel trotz Verbot die Straßenseite um den Geräuschen und Stimmen zu folgen, die einfach nicht immer lauter werden. Mein Herz klopft nun bis zu meinem Hals, das atmen fällt mir schwer, weil ich doch eigentlich nicht darf, aber ich muss um diese Ecke herum laufen, um zu sehen, was da passiert ist.

Ich sehe etwas rotes, war das mal ein Auto? Es sieht aus, als ist es um den Baum gewickelt worden. Ich rieche Benzin und sehe Blut, viel Blut. An der Scheibe vorne, an der Hand, die ich erkennen kann, die ganz komisch auf dem Lenker liegt. Ich stehe dort neben diesem Auto wie erstarrt und noch immer kann ich kaum atmen und spüre meinen Herzschlag im Hals, ich kann mein Herz sogar hören. Ich sehe Menschen hektisch um das Auto herumlaufen, jemand spricht mit dem Auto, bekommt aber keine Antwort. Jemand sagt; „Ich habe den Notruf gewählt, Hilfe kommt.“ Die Menschentraube wird immer größer, ich stehe mittendrin und werde herumgeschubst.

Dann höre ich plötzlich Mama hinter mir. Sie schreit meinen Namen, kaum drehe ich mich um, ist sie auch schon bei mir. Sie schimpft mich aus, wieso ich über die Straße gegangen bin, zieht mich schroff am Arm hinter sich her bis in den Garten meiner Oma. Ich weine und schluchze. Sie schickt mich in die Gartenhütte und sagt mir, ich darf dort erst wieder heraus, wenn sie es sagt. Es ist so warm in der Hütte und ich bin so aufgewühlt. Ich habe Angst, das Papa mich haut, ich höre ihn vor der Hütte schimpfen.

Ich höre auch Tatüüü Tataaaa, das irgendwann aufhört und nach kurzer Zeit wieder einsetzt. Ich sitze immer noch alleine in der Hütte, zittere, bekomme die Bilder von dem kleinen roten Auto, dass um den Baum gewickelt ist nicht aus meinem Kopf. Der Geruch von Benzin ist immer noch in meiner Nase. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt meine Mutter in die Hütte. In harschem Ton sagt sie: „Wir fahren jetzt nach Hause“. Kein Wort reden meine Eltern auf dem Weg nach Hause und ich fühle mich immer noch wie erstarrt. Mama und Papa kehren zum Alltag zurück. Es gibt Abendbrot und Mama schickt mich ins Bett. Ich liege noch lange wach und habe die Bilder im Kopf, die Geräusche im Ohr und diesen ekeligen Benzingeruch in der Nase. Ich verstehe nicht, was das passiert ist, aber es macht mir Angst.

Es ist Mittag am nächsten Tag und ich höre Mama zu Papa sagen: „ Sie hat nicht überlebt, das wäre ja aber auch ein Wunder gewesen“, Und das Leben geht weiter, ohne zu sehen, was dass was da passiert ist mit mir macht und ohne mit mir darüber zu reden. Das ist meine erste Begegnung mit dem Tod.

Heute

Wenn ich heute, in meinem Erwachsenenleben an meine erste Begegnung mit dem Tod denke, überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Nicht des Todes der Frau an sich wegen, was ganz klar tragisch ist, sondern mehr deshalb, wie allein gelassen ich als Kind mit diesem Erleben umgehen musste. In Gedanken nehme ich das kleine Mädchen, das ich bin, in den Arm, drücke es ganz fest und trage es weg von diesem Geschehen und tröste es. Ich warte, bis es sich beruhigt hat, sage ihr, wie erleichtert ich bin, dass ihr nichts passiert ist und dann versuche ich ihr zu erklären, was passiert ist und das auch ich nicht weiß, warum es passiert ist. Ich erkläre ihr auch, dass dieser Mensch den sie da im Auto gesehen hat gestorben ist, dass dieser Mensch nicht mehr aufwachen wird. Eben so, dass es für ein so kleines Mädchen annähernd verständlich wird. Ich beobachte das Mädchen achtsam und stehe ihr tröstend und aufmerksam zur Seite. Das ist die Arbeit mit meinem inneren Kind. Meinem Inneren Kind geht es mit dieser Situation, wie sie jetzt ist gut.

Ich versuche mich in meine Eltern, insbesondere in diesem Fall in meine Mutter in der damaligen Situation hinein zu versetzen. Das, was mir dabei bewusst wird ist, dass sie es einfach nicht besser wusste, dass sie selbst es nicht anders gelernt hat. Wie oft habe ich schon gehört, dass gewisse Dinge früher normal waren, wie sie eben waren. Das ist keinesfalls eine Entschuldigung oder Rechtfertigung, es ist vielmehr eine Erklärung.

Und diese Erklärung ermöglicht mir einen neuen Blickwinkel. Ja, es ist tragisch, das Verhalten meiner Mutter in dieser Situation war falsch, es gibt keine Entschuldigung. Aber es ist zu erklären. Und dieses erklären hilft mir, zu verzeihen und Frieden mit dem Verhalten meiner Mutter zu schließen. Eventuell hat sie auch gedacht, ich hätte den Unfall verursacht, eben weil ich einfach über die Straße gelaufen bin, was ich doch unter keinen Umständen durfte. Vielleicht hatte sie Angst um mich und konnte aus dieser Angst heraus nicht anders handeln. Ich weiß es nicht, dies sind alles Mutmaßungen, die es für mich erklärbar machen und mir helfen, Frieden mit diesem Erlebnis zu schließen. Am Ende ist es passiert, wie es passiert ist, nur der Umgang damit kann und darf ein anderer sein. Und somit darf ich dieses Kapitel sauber aufgeräumt in meine Schublade „Tod“ einsortieren und die Schublade für heute schließen.

Danke für ´s Lesen

Sei herzlichst gegrüßt